absent | present

 

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Von Mauern und Menschen handelt diese Arbeit. Von alten und neuen. 2007 − Ich flaniere durch das Berliner Regierungsviertel. Es reizt mich fotografisch, denn hier begegnen sich unmittelbar Staatsarchitektur und normale Bürger. Ebenso zieht es mich zum nahegelegenen Potsdamer Platz. Hier wurde nach der Wende ein ganzes Stadtviertel neu gebaut: Büros, Shopping Malls, Wohnungen und eine als Landschaftsskulptur gestaltete Freifläche. Sie soll an die Mauer erinnern, denn wo heute um mich herum überall Gebäude in den Himmel ragen, stand 1989 – nichts. Hier war eine große klaffende Wunde, Grenzanlagen, Sicherheitszäune und Wachtürme – der "Todesstreifen".

Seit 2007 kehre ich mit der Kamera immer wieder in dieses neu belebte Areal zurück, und dies mit ambivalenten Gefühlen. Die städtebaulichen Visionen haben sich in der Realität nicht immer erfüllt. In meiner fotografischen Arbeit zieht es mich oft an solche Orte, die Ausdruck urbaner und gesellschaftlicher Visionen sind. Im Spannungsfeld, das sich auftut zwischen den groß gedachten, menschengemachten Strukturen und dem Einzelnen, finde ich meine Bildgeschichten. Letztlich erzählen sie dann nicht nur von diesem bestimmten Ort, sie erzählen auch von der ewigen Suche nach dem Morgen, nach dem Besseren, nach der eigenen Verortung.

Der Mann, der durch die Wand zu gehen scheint, ist mein Lieblingsmotiv in dieser Serie. Seine Körperhaltung ist für mich die eines Suchenden. Vielleicht geht er voran, vielleicht zögert er auch vor dem nächsten Schritt – wer weiß. Vielleicht gelingt es ihm auch, Mauern zu durchschreiten.

Zeitsprung – 1989. Grenze, Brache, Leere, bedrückende Szenerie. Heute kaum vorstellbar, wenn man jetzt durch dieses Gebiet spaziert. Das eine oder andere Mauerstück findet sich zwar noch hier, ohne aber die Atmosphäre von damals auch nur ansatzweise zu vermitteln. Die Mauerrelikte wirken eher wie touristische Vehikel. Nur eine gepflasterte Markierung am Boden zeigt, wo die Mauer damals verlief. Absent – Present.

−− anna thiele

 

archival pigment prints auf baryt-papier
bildgrösse 36×36 cm [standardmaß, andere größen auf anfrage]
© anna thiele